Buchkritik

Innenansichten der Türkei

Buchkritik von Josef Janning


Dogu Ergil, Alla Turka. Turkey’s Encounter With Herself, Ankara: Turkish Daily News 1997, 195 S. (kostenlos).

Harsche Kritik und Töne der Verbitterung bestimmen die türkische Reaktion auf die Entscheidungen des Luxemburger Gipfels der Europäischen Union von Mitte Dezember 1997. Vieles daran erscheint überzogen und unverhältnismäßig – insbesondere angesichts der pragmatischen und westlichen Grundorientierung der gegenwärtigen Regierung. Daß die Reaktion vor allem die innenpolitische Lage betrifft, wird vielfach übersehen. Im Modernisierungsprozeß scheint die Türkei gleichzeitig an mehreren Wegscheiden ihrer Entwicklung zu stehen, wie die Kolumnen des türkischen Soziologen und Politikwissenschaftlers Dogu Ergil anschaulich belegen.

Selbst ein energischer Verfechter von Demokratie, Rechtstaatlichkeit und moderner Westorientierung, schildern Ergils Momentaufnahmen aus den zurückliegenden zwei Jahren ein Land im Widerstreit mit sich selbst, seinen Traditionen und Orientierungen. Anschaulich erläutert Ergil seinen Landsleuten wie westlichen Lesern (die Beiträge erschienen in der Wochenbeilage der englischsprachigen Turkish Daily News) seine Sicht der Grenzen des politisch-kulturellen Denkens im Lande: die Emotionalisierung der Politik und mangelnde Zivilcourage der Wähler, das Aufkommen des „Integrismus“, die antiwestlichen Affekte des linken wie rechten Nationalismus, die unbewältigte Urbanisierungswelle und die Unfähigkeit zur Regelung der „Eastern Question“, der Kurdenfrage. Sein Stilmittel ist, neben einer moralisierenden Ironie, vor allem der Appell an die gemeinsame Identität – die Häufung der Wendung „wir Türken“ verweist im Grunde auf ein Auseinanderfallen der Wahrnehmungswelten von Intellektuellen und Öffentlichkeit.

Die mit diesen Fragen verbundenen Identitätsdebatten zeigen eine doppelte Schwäche: Einerseits scheinen die heutigen Sachwalter des Kemalismus insgesamt in die Defensive geraten zu sein, andererseits gelingt es den türkischen Intellektuellen offenbar nicht, ihre Vision einer pluralen und westlichen Gesellschaft überzeugend zu vermitteln. Die islamische und traditionalistische Herausforderung begünstigt die Verteidiger kemalistischer Strukturen zulasten ihrer Modernisierer

Josef Janning

Josef Janning, geb. 1956, ist Mitglied der Geschäftsleitung der Bertelsmann Stiftung und stv. Direktor des CAP.

Josef Janning is Deputy Director CAP and member of the Management Com mittee of the Bertelsmann Foundation. This article is based on a paper presented at the Bertelsmann Forum 2004 in Berlin.



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