Analyse
Die postkemalistische Türkei. Zwischen EU und pantürkischem Islamismus
In der Türkei findet eine Abnabelung von Europa als einem zivilisatorischen Vorbild und Modell statt. Die exklusiven Optionen des neo-osmanischen Panturkismus, des islamischen Fundamentalismus und des kemalistischen Säkularismus stehen augenblicklich in hartem Wettbewerb miteinander. Der Westen muß sich auf eine eigenständige Türkei einstellen.
Dem häufigen Besucher der Türkei fällt bei seinen in Abständen erfolgenden Besuchen der ständige, in der Bekleidung der Menschen sichtbar werdende Wandel im öffentlichen Leben auf. Vor wenigen Jahrzehnten wäre der Anblick einer orientalisch verschleierten, d.h. nicht nur mit einem Kopftuch bedeckten, Frau eine Seltenheit in der Innenstadt von Istanbul oder Ankara gewesen. Heute gehören diese importierten, d.h. nichttürkischen Schleier zum regulären Stadtbild. Die türkische Soziologin Nilüfer Göle schreibt über die Schleier, daß das zeitgenössische, noch relativ junge Phänomen der islamistischen Verschleierung der türkischen Frauen „eher ein Ausdruck des Konflikts mit der Moderne als einer Loyalität gegenüber der Religion des Islam“1 sei. Sie kommt zu dem Ergebnis, daß der Schleier in der Türkei zu einem „Emblem des Islamismus“ geworden sei und führt aus: „Kein anderes Symbol kann mit solcher Wucht so schlagkräftig das Anderssein des Islam gegenüber dem Westen demonstrieren wie der Schleier. … Die zeitgenössische Verschleierung der Frauen dient der Unterstreichung, daß die Grenzen zwischen der islamischen und der westlichen Zivilisation unüberwindbar sind.“2
Das sind Sätze, die einen weltanschaulichen, also nichtmilitärischen „Krieg der Zivilisationen“ verkünden, bei dem der Schleier als Mittel der Abgrenzung dient. Kemalisten in der Türkei, die ihr Land kulturell europäisch einordnen und politisch am liebsten in der Europäischen Union sehen wollen, hören dies nicht gern. Die kemalistische Elite weist die Zugehörigkeit ihres Landes zum Nahen Osten heftig zurück. Im Widerspruch zu diesem Selbstverständnis finden jedoch seit einigen Jahrzehnten Entwicklungen in der Türkei statt, die das Land in eine andere Richtung treiben, d.h. seine Zugehörigkeit zur islamischen Zivilisation hervorheben. Diese Entwicklungen finden parallel zur Suche nach einer neuen Führung in der systemisch ungeordneten Region des Nahen Ostens statt.
Schon 1984 erkannte der Princeton-Gelehrte für internationale Beziehungen, L. Carl Brown, daß der Nahe Osten einen Kernstaat benötigt, der ihn systemisch ordnet. Hierzu schrieb er: „Der geeignetste Kandidat für diese Aufgabe wäre die Türkei. Aber der Kemalismus hat die Türkei immun gegenüber dem Wind aus dem Osten gemacht.“3 Samuel Huntington berichtete, daß er bei Vorträgen über sein Buch „Clash of Civilizations“ in der Türkei Ablehnung von den Kemalisten, aber positive Aufnahme von den Islamisten erfahren habe. Huntingtons Leser wissen, daß er für sein Schema einer neuen Weltordnung einen „core state/Kernstaat“ für jede Zivilisation benötigt, der die Führung übernimmt.4 Die islamische Zivilisation hat aber keinen Kernstaat; Huntington riet deshalb den Türken, diese Aufgabe zu übernehmen, statt sich bei jedem Klopfen an die Tür der Europäischen Union von den Europäern mit Ablehnungen demütigen zu lassen.
Was wollen die türkischen Islamisten? Streben sie einen Gottesstaat oder ein neues osmanisches Reich an? Oder kann man vom türkischen Islamismus als einer islamistischen Version der Demokratie sprechen? Im Westen verwechseln viele Medien den Islam, als Religion, mit dem Fundamentalismus, als politischer Ideologie. Auch über die große Vielfalt der fundamentalistischen Bewegungen wird die Öffentlichkeit nicht aufgeklärt.5 Der Islamist Necmettin Erbakan ist beispielsweise kein Terrorist, er legt keine Bomben, und er war 1996 auf parlamentarischem Weg an die Macht gekommen. Das Ziel seiner Refah-Partei geht über einen Regierungswechsel in seinem Land hinaus: Erbakan ist Wortführer eines neuen „Osmanismus“. Die osmanische Nostalgie präsentiert neue Optionen für die Türkei und ist weder an die Person Erbakans gebunden, noch ist sie mit seiner Absetzung vom Amt des Ministerpräsidenten oder gar mit dem beabsichtigten Verbot seiner Refah-Partei zu Ende.
Ein genauer Blick zeigt jedoch, daß der Griff an die Macht nicht so ganz demokratisch vonstatten gegangen war. Erbakans fundamentalistische Refah-Partei hatte unter mysteriösen Umständen – u.a. unter Ausnutzung einer Korruptionsaffäre von Ministerpräsidentin Tansu Çiller sowie durch die Bestechung von Parlamentsabgeordneten – die Regierungsgeschäfte übernommen. Dies war die Geschäftsgrundlage der Koalition der säkularen Partei des Rechten (in Istanbul sagt man „korrupten“) Weges mit der Refah-Partei. Erstmals in der Geschichte der kemalistischen Türkei hatte im Juli 1996 der Islamismus als islamische Spielart des religiösen Fundamentalismus in der Form einer Regierungspartei damit begonnen, die Geschicke des Landes zu bestimmen. Die Erbakan-Çiller-Koalition war weit mehr als eine Episode in der türkischen Politik.
Entwestlichung der Türkei?
In der Türkei findet seither, trotz des Ende Juni 1997 erfolgten Machtwechsels und der Übernahme des Amtes des Ministerpräsidenten durch den westlich geprägten Politiker Mesut Yilmaz, eine Abnabelung vom Westen statt, und zwar nicht nur auf der Ebene der Politik, sondern auch von Europa als einem zivilisatorischen Vorbild und Modell. Früher war die Türkei die Südflanke der NATO; nach dem Ende des Kalten Krieges sowie der darauffolgenden Auflösung der Sowjetunion bestand kein Bedarf an einer solchen Südflanke mehr. Der Golf-Krieg hat jedoch dazu beigetragen, daß sich die Türkei von einer realen NATO-Südflanke in eine potentielle regionale Macht verwandeln konnte. Zudem ist die regionale Reichweite größer geworden.6 Bekanntlich werden die ehemaligen zentralasiatischen Republiken der Sowjetunion von Turkvölkern bewohnt,7 wo ca. zwanzig Spielarten der türkischen Sprache gesprochen werden. Dies veranlaßte Geopolitiker dazu, analog zur arabischen Welt von einer sich formierenden türkischen Welt zu sprechen, die sich vom Balkan bis hin zur nordwestchinesischen, von den Türken „Ostturkestan“ genannten Provinz Xinjiang (von ca. acht Millionen türkischen Muslimen bewohnt), erstreckt. Diese Welt umfaßt ca. 160 Millionen Angehörige der Turkvölker, die laut UNESCO die fünftverbreitetste Sprache der Welt sprechen.
Diese ethnisch-kulturelle Bestimmung Zentralasiens als türkisch könnte man in eine neue geopolitische Perspektive einordnen, die den Stellenwert des türkischen Kernlandes erhöht und die Entwestlichung der kemalistischen Türkei fördert. Diese neue Perspektive wird durch eine Aussage des kasachischen Präsidenten, Nursultan Nasarbajew, veranschaulicht, der bei seinem Besuch in Ankara im September 1991 verkündete, das 21. Jahrhundert werde das Jahrhundert der Türken sein. Dem liegt die Vermutung zugrunde, daß die Turkvölker ein vereinigtes Turkestan bilden würden. Die nationalistisch orientierte türkische Presse hat diese pantürkische Parole antiwestlich strapaziert, um die Stellung der Türkei in der Weltpolitik hervorzuheben. So übertrieben diese Selbsteinschätzung auch sein mag, so sollte der Westen doch diese neue, auf alte Quellen zurückgreifende Vision einer pantürkischen Welt8 nicht unterschätzen.
Zwar gilt die Türkei nach westlichen Maßstäben unter allen Staaten der Region als das meist erwünschte Modell eines säkularen, nach dem demokratischen Mehrparteiensystem aufgebauten Staates.9 Im Gegensatz hierzu steht jedoch die Erwartung türkischer Fundamentalisten von einer „entwestlichten“ Türkei, in der ihre Vision einer pantürkischen regionalen Größe – kombiniert mit Islamismus – Realität würde. Die Säkularisierung in der Türkei im Zuge der kemalistischen Revolution ist nur oberflächlich geblieben, und die islamische Geschichte des Landes wurde dabei keineswegs verarbeitet.10 Hinzu kommen die demographischen Prognosen für das Jahr 2000: 70 Millionen Einwohner in der Türkei; wenn man dazu die Turkvölker Zentralasiens zählt, dann ergibt sich ein gewaltiges Potential. Die Türkei hatte 1992 eine Bevölkerung von 58 Millionen (1997: 65 Millionen).11
Diese Zahlen zeigen folgenden Trend: Die türkische Bevölkerung wächst ca. alle zehn Monate um eine weitere Million. Bei einer Mitgliedschaft in der EU bedeutete das eine massive türkische Zuwanderung in alle westeuropäischen Länder. Wenn diese Türken europäische Bürger werden würden, dann wäre eine begrenzte Zuwanderung kein Problem. Aber die Verbindung einer massiven Migration mit einer kommunitaristischen Orientierung des Islamismus ist auf jeden Fall ein Problem. Dieses potenziert sich, wenn sie aus einem neo-osmanischen Land mit einer entsprechenden fundamentalistischen Orientierung nach Westeuropa kommen.
Es wäre falsch, im Islamismus nur einen Störfaktor zu sehen. In der Türkei zwingt die zunehmende Bedeutung dieser Orientierung die türkische Politik dazu, ihn als eine dauerhafte Realität anzuerkennen und damit zu leben. Doch sind die an Europa orientierten kemalistischen Eliten ebenfalls eine Tatsache. In der türkischen Politik befinden sich die exklusiven Optionen des neo-osmanischen Panturkismus, des islamischen Fundamentalismus und des kemalistischen Säkularismus in einem harten Wettbewerb miteinander. Welche davon im Übergang zum 21. Jahrhundert die Szene in der Türkei dominieren wird, wird nicht nur von der Fähigkeit des Westens, die Türkei in einen politischen und ökonomischen westlichen Rahmen zu integrieren, sondern auch von inneren Entwicklungen in der Türkei selbst abhängen.
Es gibt amerikanische Politiker, die glauben, daß eine Ostorientierung der Türkei (Islam, Panturkismus) eher „komplementär“ wirken und vom Westen instrumentalisiert werden könnte. Damit meinen sie, daß die kemalistisch, d.h. säkular bleibende Türkei eine westliche Funktion gleichermaßen in der Welt des Islam und in der großen pantürkischen Welt zwischen Xinjiang und dem Balkan übernehmen könnte.12 Diese Einstellung übersieht jedoch die nationale Orientierung selbst der kemalistischen Eliten. Es ist kaum vorstellbar, daß sich die türkischen Kemalisten mit der Funktion eines westlichen Erfüllungsgehilfen zufriedengeben würden.
Ein realistisches Szenario für die nähere Zukunft ist das einer Nord-Süd-Konfrontation im MittelmeerRaum, bei der die Türkei auf der einen oder anderen Seite eine zentrale Rolle spielen kann. Hierauf gründet die Auffassung, daß der Mittelmeer-Raum aus Sicherheitsüberlegungen geopolitisch eine zentrale Region für Westeuropa ist und bleiben wird. Die Türkei nimmt im Mittelmeer-Raum eine Schlüsselposition ein.13 Ein Entwicklungsgefälle sowie ein ungleiches Bevölkerungswachstum trennen die südlichen von den nördlichen Mittelmeer-Ländern. Die Migrationsschübe von Süden in Richtung Norden, und auch die politisch wachsende Bedeutung des islamischen Fundamentalismus für Europa sind in diesen Rahmen einzuordnen.
Islamismus und Neo-Osmanismus
Heutzutage geht es um eine Neubewertung des Osmanismus. Sowohl der Golf-Krieg, bei dem die Türkei für die Logistik und als mögliche zweite Front eine zentrale Rolle spielte, als auch die neuerliche Entstehung der eingangs angesprochenen, Zentralasien und den Kaukasus umfassenden türkischen Welt, hat den türkischen Eliten – gleich ob säkular oder fundamentalistisch – einen erhöhten kulturellen Selbstwert vermittelt. Dieser kommt zunächst in den seither in einer Verbindung von Selbstabgrenzung und überzogenem Selbstbewußtsein gegenüber dem Westen formulierten Forderungen zum Ausdruck. Aber beide Entwicklungen, die der Türkei eine neue geopolitische Bedeutung verliehen haben, sind ein zweischneidiges Schwert.
Ein Konfliktpotential liegt in einer möglichen Neubelebung der klassischen Spannung zwischen dem orthodox-slawischen und dem islamisch-türkischen Lager. Die Politik Rußlands und der Türkei im Bosnien-Krieg hat einen Vorgeschmack davon vermittelt. Es versteht sich, daß der Neo-Osmanismus, d.h. die Neubelebung des osmanischen Erbes, nicht unbedingt eine Wiedergeburt des alten imperialen Expansionismus der Türkei sein wird, weil der Türkei hierzu alle Mittel fehlen. Dennoch kann diese Entwicklung dazu beitragen, daß ein gewisses organisches, geopolitisches, kulturelles und ökonomisches Beziehungsgefüge entsteht, in dessen Rahmen die Turkvölker ihre Selbstfindung erreichen. Hinzu kommt das in der Türkei offen propagierte überzogene Selbstbild, die Türken seien das Zentrum der Welt. Dieses neo-osmanische, megalomane Selbstbild ruft nicht nur im Westen, sondern auch bei den islamischen Nachbarn, seien sie Araber oder Perser, Ängste und Ablehnung hervor. Für die Zukunftsperspektive einer islamistischen Achse der Weltpolitik unter türkischer Führung, d.h. einen türkischen Kernstaat der islamischen Zivilisation, gibt es daher keinerlei An- haltspunkte.
Die neue geopolitische Größe der Türkei ist unübersehbar gewichtiger als jene imperiale des 1924 aufgelösten Osmanischen Reiches, weil sie heute auch Zentralasien und den Kaukasus umfaßt. Es ist bekannt, daß die Türkei in Zentralasien14 eine offensive, wenngleich durch die eigenen limitierten Ressourcen eingeschränkte Politik (auch in scharfer Konkurrenz zu Iran) betreibt. Hierbei wird das Ziel verfolgt, die dortigen Turkvölker in den pantürkischen Einflußbereich zu bringen. Die Türkei tritt so in einen direkten Wettstreit mit Rußland um den Einfluß in Zentralasien.15 In bezug auf die Muslime Rußlands sind die Türken dagegen sehr zurückhaltend. Wichtig ist, daß dies auch für den Balkan gilt, wo etwa neun Millionen Muslime leben. Experten sind sich einig, daß sich die Türkei lieber auf Zentralasien als auf den Balkan konzentriert: „Sollte sich der Konflikt auf den Kosovo ausweiten und dann Mazedonien und Albanien umfassen, würde sich die Türkei im Dickicht eines Konflikts in einer Region befinden, zu der sie bevorzugt, nicht zurückzukehren.“16
Die neue türkische Geopolitik konzentriert sich mehr auf eine Einflußnahme im Süden (Naher Osten und Mittelmeer-Raum) und im Osten (Kaukasus und Zentralasien) als auf Südosteuropa. Der Grund hierfür ist schlicht: die Politik des Neo-Osmanismus, gleich ob von dem Fundamentalisten Erbakan oder von einem anderen Vertreter des türkischen Islamismus betrieben, ist pragmatisch orientiert. Die wichtigste Maxime lautet zwar „Entwestlichung der Türkei“, läuft aber auf keine Konfrontation mit dem Westen, vor allem nicht mit Europa hinaus.
Zwischen Europa und den USA
Im Gegensatz zu Erbakan, der seinen ersten Staatsbesuch im Ausland Iran widmete, reiste der neue Ministerpräsident Yilmaz gleich nach seinem Amtsantritt nach Bonn. Im Vorfeld dieses Besuchs veröffentlichte Yilmaz einen Essay, in dem er mit keinem Wort Islam und Islamismus in seinem Land erwähnte, dafür aber die Zusicherung gab: „Die türkische Nation teilt die westlichen Werte aus ganzem Herzen“.17 Dieses Bekenntnis gilt sicherlich für die kemalistischen Eliten. Eine andere Frage ist aber, ob diese Einstellung von der Mehrheit der türkischen Bevölkerung ebenso „aus ganzem Herzen“ geteilt wird. Der neo-osmanische Islamismus ist in der Türkei ebenso eine Tatsache wie die Prozesse der fortschreitenden Entwestlichung des Landes und seiner Kultur.18 Um Mißverständnissen vorzubeugen, ist es bei der Anführung dieser politischen Fakten außerordentlich wichtig, daß diese keineswegs dazu dienen dürfen, Gegnern des EU-Beitritts der Türkei Argumente an die Hand zu liefern. Vielmehr geht es darum, auf die Identitätskrise der Türkei hinzuweisen, um den Reformbedarf des klassischen, nicht mehr den gegenwärtigen Bedingungen angemessenen Kemalismus zu unterstreichen und ihn gegen die sehr ernst zu nehmenden und nicht zu verschweigenden Herausforderungen des neo-osmanischen Islamismus zu stärken.
In der Türkei ist diese Rückbesinnung auf den Islam mit einer neo-osmanischen Nostalgie verbunden und somit auch eine Neubelebung des „osmanischen Erbes“19 im Kollektivbewußtsein. Dies ist eine immer stärker werdende Strömung in der Türkei. Eine ähnliche Aussage gilt für die türkische Diaspora in Europa, die besorgniserregenderweise weit mehr unter islamistischem als unter kemalistischem Einfluß steht.20 Für die Europa-Bindung der Türkei sind die Einstellungen der türkischen Migranten in Europa von großer Bedeutung. Die Abweisung der Türkei durch Europa wird von den Islamisten zum Anlaß genommen, ihre Alternative einer phantastischen Vision einer neuen überregionalen, von der Türkei getragenen neo-osmanischen Größe weiterzuentwickeln. Bei der türkischen Bevölkerung findet eine solche Vision Zuspruch, obwohl sie kaum reale Chancen auf Umsetzung hat. Die Verbreitung einer solchen Ideologie schadet der europäischen Bestimmung der Türkei erheblich.
Die Türkei ist für Europa weit wichtiger als für die USA. Viele allein auf Machtkonzepte fixierte amerikanische Strategen pflegen den Europäern mit entsprechenden Argumenten vorzuschreiben, die Türkei als EU-Mitglied aufzunehmen. Die neueste Spielart einer solchen Argumentation liefert Zbigniew Brzezinski: „Um einen stabilen und unabhängigen Südkaukasus und ein ebensolches Zentralasien zu fördern, muß Amerika sich davor hüten zuzulassen, daß die Türkei (von Europa, B.T.) entfremdet wird … Eine Türkei, die sich von Europa ausgestoßen fühlt, … würde mehr eine islamische Türkei werden … Amerika sollte daher seinen Einfluß in Europa nutzen, um die Zulassung der Türkei zur EU zu fördern und darauf bestehen, die Türkei als einen europäischen Staat zu behandeln – vorausgesetzt, die türkische internationale Politik nimmt keine dramatische Wende in islamistischer Richtung.“21
Nun können die kemalistischen Eliten den neo-osmanischen Islamismus in ihrem Land weder wegzaubern, noch durch Verbote seiner politischen Vertretung (Refah) aus der Welt schaffen. Westliche Politiker müssen mit dem Faktum leben, daß diese Strömung ein Bestandteil der türkischen Politik geworden ist. Die europäischen Politiker können bestenfalls die kemalistischen Eliten unterstützen und sie zu Reformen anregen, damit sie wettbewerbsfähiger gegenüber den Islamisten werden; sie können aber mit ihrer Politik der zugleich offenen und verschlossenen Tür gegenüber der Türkei nicht wie bisher fortfahren, ohne hierbei entsprechende Reaktionen hervorzurufen. Mit ihrer Politik schwächen sie die europäisierten Eliten der Türkei und liefern den Islamisten Argumente für andere Optionen an die Hand. Ohne der oft übertriebenen Selbstüberschätzung der kemalistischen Eliten zuzustimmen, ist es möglich festzustellen, daß der Verlust der Türkei als das Land, welches am Mittelmeer eine Schlüsselposition einnimmt, für Europa großen Schaden bedeuten würde. Bei jedem außenpolitischen Entwurf müssen Europäer der Tatsache Rechnung tragen, daß die Türkei eine selbständiges Land mit eigener Kultur und Identität, also nicht allein ein Erfüllungsgehilfe der amerikanischen Hegemonialmacht oder der westlichen Politik ist. Der Westen muß lernen, mit diesem Land auf der Ebene eines selbständigen Verbündeten umzugehen.
Anmerkungen
1 Nilüfer Göle, The Forbidden Modern. Civilization and Veiling, Ann Arbor/Michigan 1996, S. 4.
2 Ebd., S. 1.
3 L. Carl Brown, International Politics and the Middle East, Princeton/N.J. 1984, S. 176.
4 Samuel P. Huntington, Clash of Civilizations, New York 1996, dt.: Kampf der Kulturen, Wien 1996, Kapitel 7 über den „Kernstaat“.
5 Vgl. Tibi, Die fundamentalistische Herausforderung. Der Islam und die Weltpolitik, München 1993, und ders., Der religiöse Fundamentalismus im Übergang zum 21. Jahrhundert, Mannheim 1995.
6 Vgl. Graham Fuller, Turkey’s New Geopolitics. From the Balkan to Western China, Boulder/Col. 1993.
7 Vgl. Dilip Hiro, Between Marx and Muhammad. The Changing Face of Central Asia, London 1994.
8 Autoritativ hierzu Jacob M. Landau, Pan-Turkism, (Neuausgabe) Bloomington 1995.
9 Vgl. Bernard Lewis, The Emergence of Modern Turkey, Oxford 1992 (Neuausgabe); sowie Feroz Ahmad, The Making of Modern Turkey, London 1993.
10 Richard Tapper (Hrsg.), Islam in Modern Turkey, London 1993 (Neuausgabe).
11 Die Ergebnisse der jüngsten Volkszählung vom Dezember 1997 liegen noch nicht vor.
12 Hierzu die Beiträge in: Fuller ( Anm. 6)
13 Vgl. hierzu die Dokumentation, S. 69 ff.
14 Vgl. Shirin Akiner, Political and Economic Trends in Central Asia, London 1994.
15 Vgl. Dale Eikelman u.a. (Hrsg.), Russia’s Muslim Frontiers, Bloomington 1993, S. 49 ff.
16 J. F. Brown, Turkey: Back to the Balkans, in: Fuller (Anm. 6), S. 141–162, hier S. 154.
17 Mesut Yilmaz, Gemeinsam in Eurasien, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung (FAZ), 29.9.1997.
18 Tibi, Schleichende Entwestlichung. Hintergründe der Politisierung des Islam in der Türkei, in: FAZ, 5.3.1997.
19 Hierzu die Beiträge in L. Carl Brown (Hrsg.), Imperial Legacy. The Ottoman Imprint on the Balkans and the Middle East, New York 1996
20 Vgl. z.B. die Untersuchung von Wilhelm Heitmeyer u.a., Verlockender Fundamentalismus. Türkische Jugendliche in Deutschland, Frankfurt 1997.
21 Zbigniew Brzezinski, The Grand Chessboard, New York 1997, S. 203 f.
Prof. Dr. Bassam Tibi, Leiter der Abteilung für Internationale Beziehungen amSeminar für Politikwissenschaft, Georg-August-Universität Göttingen.
Bassam Tibi is Director of the Center for International Relations at Göttingen University and Visiting Bosch Professor at Harvard University.


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