Buchkritik
Abstieg eines Shooting-Stars
Der Optimismus ist verflogen, die Krise ist da: Neuerscheinungen zu Spanien
Was ist nur mit Spanien los? Die einstige Vorzeige-Volkswirtschaft unter den Euro-Staaten steht tief in den roten Zahlen. Von Europa-Euphorie ist während der spanischen Ratspräsidentschaft nichts zu spüren, und der demokratische Konsens droht an der unerledigten Aufarbeitung von Unrecht während des Franco-Regimes zu zerbrechen.
Ende 2008 schien die Welt noch in Ordnung. Auf die ins Wanken geratene Weltwirtschaft und die schwächelnde Immobilienbranche im eigenen Land angesprochen, übte sich Ministerpräsident José Luis Zapatero in Optimismus: „Krise? Welche Krise?“, entgegnete der Regierungschef den Journalisten. Anderthalb Jahre später ist die Lage dramatisch. Die spanische Baubranche ist kollabiert, die Arbeitslosigkeit erreicht Rekordwerte, Konjunkturprogramme verfehlen ihre Wirkung. Ratingagenturen senken die spanische Kreditwürdigkeit, die Staatsfinanzen sind aus dem Gleichgewicht und die Sparprogramme der Regierung führen zu Streiks und Massendemonstrationen.
Die Ursachen der Wirtschaftskrise erläutert Ángel Estrada von der spanischen Nationalbank in seinem Beitrag für den Band „¿Crisis? ¿Qué crisis?“, der auf eine Tagung der Stiftung Wissenschaft und Politik zurückgeht. Neben der Weltwirtschaftskrise macht Estrada vor allem das rasante Wachstum seit 1999 als Krisenursache aus. Wegen der Zugehörigkeit zur Währungsunion floss zinsgünstiges Geld nach Spanien, das sowohl den Konsum als auch das unverhältnismäßige Wachstum des Immobiliensektors befeuerte. Der Kollaps der Immobilienbranche führte schließlich zur Rezession und legt nun den Blick frei auf die bisher versäumten Reformnotwendigkeiten. Aus Estradas Sicht müssen der Arbeitsmarkt grundlegend reformiert und die Produktivität der spanischen Wirtschaft gesteigert werden.
Die Sanierung der Wirtschaft ist jedoch nicht die einzige Herausforderung, vor der Spanien derzeit steht. Was Spanien überhaupt noch zusammenhält, fragen Walther Bernecker und Antonio Elorza in ihren Beiträgen zu dem Krisen-Buch. Beide beobachten immer schärfere Auseinandersetzungen um die nationale und politische Identität Spaniens. Macht- und ordnungspolitisch geht es dabei vor allem darum, wie die Befugnisse zwischen den zentralstaatlichen Instanzen und den nach mehr Autonomie strebenden Landesteilen – insbesondere dem Baskenland und Katalonien – verteilt werden. Der gereizte Ton, in dem die Debatte seit Jahren geführt wird, zeigt jedoch, dass es nicht nur um Kompetenzen und Zuständigkeiten geht. Sondern darum, wie sich Spanien als Nation versteht. Der Baske Elorza plädiert für das Modell einer „Nation der Nationen“, in dem sich die unterschiedlichen nationalen Bewegungen aussöhnen und zu einem gemeinsamen Ganzen zusammenfügen. Dies entspräche, so Elorza, auch der sozialwissenschaftlich messbaren Realität. Sowohl in Katalonien als auch im Baskenland lebt die Mehrheit der Menschen bewusst mit einer doppelten Identität als Spanier und als Baske oder Katalane. Auch Bernecker sieht Chancen für eine Integration der Nationalbewegungen. Es komme darauf an, die Konflikte, die es gebe, im demokratischen Rahmen auszutragen. Dass die spanische Demokratie dazu in der Lage ist, hat sie in den letzten 35 Jahren bewiesen.
Hitzig sind nicht nur die Auseinandersetzungen zwischen Hauptstadt und Peripherie. Auch der (verbale) Frontverlauf zwischen links und rechts ist in Spanien schärfer, als man es in anderen europäischen Staaten gewohnt ist. Selbst in der stärksten Wirtschaftskrise seit Jahrzehnten kommen sich die regierenden Sozialisten und die bürgerliche Volkspartei nicht näher. Die Vehemenz, mit der gestritten wird, erinnert viele Beobachter an die „zwei Spanien“, die sich im 19. und 20. Jahrhundert unversöhnlich gegenüberstanden. Walther Bernecke zeichnet in seiner „Geschichte Spaniens im 20. Jahrhundert“ nach, wie die national-zentralistisch, katholisch und monarchistisch geprägten und die linksliberal bis anarchistisch, antiklerikal und republikanisch orientierten Kräfte lange um die alleinige Gestaltungs- und Deutungshoheit rangen.
Chiffre für die Krise
Bernecker setzt 1898 ein, dem Jahr der schmachvollen Niederlage gegen die USA und des Verlusts der letzten Kolonien. Bis heute steht die Jahreszahl 1898 in Spanien als Chiffre für die Krise. Spanien hatte sich vom europäischen Mainstream abgekoppelt und war in die Peripherie gerutscht. Wie sollte es wieder an Europa heranrücken? Darauf gaben die beiden gesellschaftlichen Lager unterschiedliche, einander widersprechende Antworten. Als die sozialen und politischen Gegensätze die Gesellschaft schließlich zu zerreißen drohten, trudelte die Monarchie geradewegs in die Entwicklungsdiktatur Primo de Riveras in den zwanziger Jahren. Doch der Versuch der konservativen Modernisierung wird mitsamt der Monarchie abgewählt. Von 1931 bis 1939 versucht die Republik die spanische Gesellschaft in die Neuzeit zu katapultieren. Sie scheitert am Widerstand der alten Kräfte. Fast 40 Jahre Diktatur folgen auf den Bürgerkrieg. Die Ideologielosigkeit der Franco-Diktatur und die Modernisierungsschübe, die Wirtschaft und Gesellschaft in den sechziger und siebziger Jahren grundlegend verändern, ermöglichen schließlich den Übergang zur Demokratie.
Bernecker lässt „sein“ spanisches Jahrhundert 1994 enden. Kurz vor Ende der Regierungszeit von Felipe González sieht er Spanien in der Mitte Europas angekommen, was er ausführlich mit sozioökonomischen Daten und Umfrageergebnissen unterfüttert. In einer Neuauflage wird Bernecker beurteilen müssen, ob das „lange 20. Jahrhundert“ Spaniens nicht vielleicht doch eher von 1898 bis 2010 – also von Krise zu Krise – reichte.
Auch das Thema Vergangenheitsbewältigung ist in Spanien umkämpft. Im friedlichen Übergangsprozess von Diktatur zu Demokratie beschwiegen die Spanier bewusst das Unrecht der Diktatur. 35 Jahre danach ist das Schicksal der Opfer Anlass heftiger politischer Debatten. 2007 wurde ein Gesetz zur historischen Erinnerung verabschiedet, das unter anderem die Entfernung franquistischer Symbole aus dem öffentlichen Raum und die Entschädigung von Opfern der Diktatur vorsieht. Lange stemmte sich die Volkspartei gegen das Gesetz. Es reiße längst verheilte Wunden wieder auf, lautete der Vorwurf. Vor Kurzem sorgte das Verfahren gegen den Untersuchungsrichter Baltasar Garzón für Aufsehen. Garzón wollte Verbrechen der Franco-Diktatur aufrollen, fand sich aber stattdessen in einem Amtsenthebungsverfahren wieder. Nach Ansicht rechtsradikaler Splittergruppen, aber auch der Volkspartei, verstießen seine Bemühungen gegen das allgemeine Amnestiegesetz von 1977.
Dass das Thema Vergangenheitsbewältigung Stoff für einen fruchtbaren deutsch-spanischen Austausch bietet, zeigen das Goethe-Institut und das Instituto Cervantes, die dem Thema eine gemeinsame Tagung und eine Publikation widmeten. Zu den Autoren gehören durchweg namhafte Beobachter des Zeitgeschehens beider Länder und „Aufarbeitungspraktiker“ wie Joachim Gauck und Emilio Silva.
Es ist Silva zu verdanken, dass heute in Spanien über die Einordnung des Unrechts der Diktatur diskutiert wird. Er gründete im Jahr 2000 den „Verein zur Wiedergewinnung der historischen Erinnerung“, der nach verscharrten Opfern sucht. Silva beschreibt in seinem Beitrag die Entstehung der Initiative und ihre Tätigkeiten. In allen Beiträgen wird deutlich, dass Aufarbeitung unabdingbar für eine reife Demokratie ist. Zwar kann das kollektive Schweigen als kurzzeitige Notwendigkeit hingenommen werden. Doch als Dauerzustand ist es inakzeptabel.
In der Diskussion um Vergangenheit und Identität kommt man nicht umhin, sich mit der Geschichte und Gegenwart des Baskenlandes zu beschäftigen. Gelegenheit dazu bieten zwei deutschsprachige Neuerscheinungen, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Carlos Collado Seidel umspannt die Geschichte der Basken in ihren Siedlungsgebieten nördlich und südlich der Pyrenäen. Er geht ausgewogen mit den unterschiedlichen Mythen zur Herkunft der Basken und ihrer Sprache um. Die Jahrhunderte durchschreitet Collado rasch. Das zwingt zur Synthese, die dem Historiker durchweg gelingt. Collado beschreibt die sich immer wieder verschiebenden und überlagernden Herrschaftsräume von der Antike bis zur Neuzeit, in denen die nördliche Pyrenäenregion immer unwegsame Peripherie blieb. Er skizziert die komplexe Gemengelage des Sonderrechtsstatus in der Frühen Neuzeit, den Wirtschaftsaufschwung der günstig gelegenen Seehäfen, die schon im Spätmittelalter einsetzende Eisenverarbeitung, die Vorbote der florierenden Eisen- und Stahlindustrie im 19. Jahrhundert war. Als Reaktion auf den im 19. Jahrhundert durch die Industrialisierung initiierten tiefgreifenden Wandel entstand, so Collados Lesart, der baskische Nationalismus. Er entwickelte im 20. Jahrhundert jene Formen, welche die politische Landschaft des spanischen Baskenlandes und die unterschiedlichen Selbstzuschreibungen der Menschen in der Region bis heute prägen. Kenntnisreich und unaufgeregt arbeitet er heraus, wie die politischen, wirtschaftlichen und sozialen Entwicklungen sich mal in Einklang mit, mal im Gegensatz zu den Zentren in Spanien und Frankreich verhielten.
Im Gegensatz zu Collado macht Ingo Niebel aus seiner politischen Verortung keinen Hehl. Gleich zu Beginn seiner Darstellung des Baskenkonflikts weist er darauf hin, dass er aus dem „baskischen Blickwinkel“ schreibe. Nun ist ein offener Umgang mit dem eigenen Standpunkt nicht unbedingt problematisch. Doch Niebel schreibt in Wirklichkeit mitnichten aus einer baskischen Perspektive. Denn das würde voraussetzen, dass sich der Autor mit der Vielschichtigkeit und Widersprüchlichkeit der baskischen Geschichte auseinandersetzt. Dann gehört die soziale und politische Realität des heutigen Baskenlands ebenso unzensiert auf den Tisch wie eine ehrliche Diskussion der konkurrierenden Interpretationen des Konflikts. Doch Niebels Schrift bietet all das nicht.
Ihm gilt nur eine Interpretation, und zwar die der selbsternannten „linksnationalistischen Befreiungsbewegung“, deren Sichtweise er ausschließlich referiert. Folgerichtig ergibt sich alles aus den zurechtgezimmerten Mythen. Freund und Feind sind eindeutig unterschieden, Recht und Unrecht verteilt. Unerträglich, mit welcher Kaltschnäuzigkeit Niebel über die Opfer der selbstgerechten Befreier hinweggeht und wie er vermeintliche Kausalitäten nach ideologischem Belieben konstruiert. Der baskischen Perspektive wird er damit in keiner Weise gerecht: Die Mehrheit der Basken lehnt die Gewalt ab, auf die hier ein Loblied angestimmt wird. Laut Euskobarómetro vom Mai 2009 unterstützen nur noch 0,8 Prozent der Basken den gewaltsamen Kampf um Autonomie.
Walther L. Bernecker u.a. (Hrsg.): ¿Crisis? ¿Qué crisis? España en busca de su camino. Madrid/Frankfurt: Iberoamericana/ Vervuert 2009, 320 Seiten, 19,80 €
Walther L. Bernecker: Geschichte Spaniens im 20. Jahrhundert. München: C.H.Beck 2010, 379 Seiten, 26,95 €
Ignacio Olmos und Nikky Keilholz-Rühle (Hrsg.): Kultur des Erinnerns. Vergangen- heitsbewältigung in Spanien und Deutschland. Frankfurt: Vervuert 2009, 200 Seiten, 18,00 €
Carlos Collado Seidel: Die Basken. Ein historisches Portrait. München: C.H. Beck 2010, 160 Seiten, 10,95 € (erscheint im September 2010)
Ingo Niebel:
Geschichte und Gegenwart eines politischen
Konflikts.
Wien: Promedia Verlag 2010,
256 Seiten, 17,90 €


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