iPolitics
Juli/August 2009
Editorial

Die Staatsmacht blockierte das Internet. Also organisierten vor allem junge Iraner die Demonstrationen gegen die Unregelmäßigkeiten bei der Präsidentschaftswahl am 12. Juni über den privaten Nachrichtendienst Twitter. Ausländische Korrespondenten wurden ausgewiesen oder in ihren Hotelzimmern festgehalten. Aber die Bilder von massenhaften Protesten und prügelnden Sicherheitskräften verbreiteten sich in Sekundenschnelle und vor allem weltweit auf dem Onlineportal Youtube. Die Unzufriedenheit über das restriktive Regime in Teheran war schon länger spürbar. Aber erst moderne Kommunikationstechnologie verhalf den Protesten zu ihrer dramatischen Dynamik. Dieser Geist, bemerkte ein Beobachter, wird nicht so schnell wieder in die Flasche zurückzustopfen sein.
Das gilt nicht nur für den Iran. Internet, SMS und Twitter, das soziale Netzwerk Facebook oder das Videoportal Youtube haben bereits die Art und Weise revolutioniert, wie wir uns Informationen beschaffen und soziale Kontakte pflegen. „Wir betreten die Zukunft rückwärts“, beobachtete der französische Schriftsteller Paul Valéry einmal, ohne sofort erkennen zu können, wie sich neue Erkenntnisse in Wissenschaft und Technik auswirken werden. Höchste Zeit also, sich intensiv mit dem Thema „iPolitics“ zu beschäftigen und der Frage, wie moderne Kommunikationstechnologien die Gestaltung von Politik transformieren werden. Vor allem in demokratischen Gesellschaften wird der Bürger seine Teilnahme nicht auf Wahlen beschränken wollen; es wird viel mehr eine „neue Bürgergesellschaft“ entstehen, meinen Johannes Bohnen und Jan-Friedrich Kallmorgen. In den USA ist schon jetzt eine „Networked Governanve“ entstanden, berichtet Annette Heuser. Sie wird zukünftig über die Wettbewerbsfähigkeit von Staaten entscheiden. Nur: Technologie ist neutral. Das Internet kann ebenso als Vehikel für demokratische Revolutionen dienen wie für eine Vernetzung des globalen Terrorismus. Das Web 2.0, schreiben Thomas Rid und Marc Hecker, wird auch die Aufstandsbekämpfung maßgeblich beeinflussen. Mit moderner Kommunikationstechnologie verhält es sich eben wie mit dem Auto, meint Irshad Manji in unserem Interview. Die Technik allein ist nicht ausschlaggebend. Wichtig ist, wer hinter dem Steuer sitzt.





