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Afghanistan I: Strategie für einen Kulturkrieg

Die Grenzen von Interventionen

von Heinz Theisen | 29.11.2009
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Der Westen ist gescheitert, weil er sich unrealistische Ziele für Afghanistan gesetzt hat – Demokratie und Menschenrechte –, anstatt sich darauf zu beschränken, eine funktionierende Staatlichkeit herzustellen. Nach achtjährigem ISAF-Einsatz wird der Abzug vorbereitet; jetzt endlich müssen die Afghanen mehr Verantwortung für ihre Sicherheit übernehmen.

Militärstrategische Überlegungen zu Afghanistan werden nur zu einem richtigen Ergebnis führen, wenn zuvor eine treffende Analyse des Konflikts gelungen ist. Sowohl die sicherheitspolitischen, entwicklungspolitischen als auch die allgemeinpolitischen Motive einer Demokratisierung Afghanistans sind zu allgemein und verfehlen den entscheidenden Punkt: In Afghanistan handelt es sich um einen Kulturkrieg, weil hier die universellen westlichen Werte mit partikularen ethnischen Identitäten und mit dem universalistischen Anspruch des Islamismus zusammenprallen.

Aus dieser Analyse ergeben sich gravierende Konsequenzen. Ein Kulturkrieg ist für den Westen weder militärisch noch politisch zu gewinnen: Das zeigen die bisherigen Erfahrungen. Während die NATO im Kalten Krieg die eigene westliche Hemisphäre erfolgreich zu sichern wusste, war der Westen in der Nachkolonialphase außerhalb seiner eigenen Hemisphäre – ob in Algerien, Vietnam, Irak oder Afghanistan – notorisch erfolglos. Selbst in den benachbarten, aber nichtwestlichen Teilen des Balkans, im Kosovo und in Bosnien-Herzegowina, sind die Ergebnisse der Interventionen allenfalls ambivalent; gemessen am Aufwand kann man sie kaum als erfolgreich bezeichnen.

Da ein bloßes Davonlaufen aus Afghanistan politisch desaströs wäre, bleibt als Ausweg nur eine Afghanisierung und Pakistanisierung des Konflikts und damit seine Rückführung auf die dortigen spezifischen Kultur-träger. Dies bedeutet den Verzicht auf die Durchsetzung der westlichen Universalität von Demokratie und Menschenrechten. Bei einer weiterhin mangelnden Selbstverteidigungsbereitschaft ist den ISAF-Soldaten ein weiterer Einsatz nicht mehr zumutbar. Sie wäre ein angemessener und ehrenwerter Rückzugsgrund.

In jedem Fall wird der Westen aus den Interventionen im Irak und in Afghanistan die Konsequenz ziehen müssen, sich in Zukunft auf die Verteidigung seiner eigenen Hemisphäre zu beschränken. Dies schließt präventive Luftschläge gegen Terrorcamps und Strafexpeditionen keineswegs aus, wohl aber Interventionen mit allgemeinpolitischen Zielsetzungen. Gewiss können wir auch durch Unterlassen schuldig werden. Eine verantwortliche Sicherheitspolitik schließt daher punktuelle und befristete militärische Einsätze gegen Völkermorde, ethnische Vertreibungen, Terrorismus oder Piraterie nicht prinzipiell aus. Umso mehr muss im konkreten Fall über die Grenzen des Möglichen, über Dauer und Ziel von Interventionen nachgedacht werden.

Die Kombination einer Moralisierung der europäischen Außenpolitik mit einem idealistisch begründeten amerikanischen Weltordnungsanspruch hat sich als Irrweg erwiesen. Unsere Werte sind universal. Den Anspruch auf die Universalität der Menschenrechte kann der Westen nicht aufgeben, ohne seine Identität aufzugeben. Aber es gehört zur Politik als „Kunst des Möglichen“, die kulturellen Grenzen des Möglichen zu erkennen und den eigenen Handlungsspielraum realistischer zu bestimmen.

Der westliche Universalismus beruht auf politischen Illusionen. Die behauptete „Universalität der Menschenrechte“ gilt nur für den Westen. Im Menschenrechtsdiskurs wird meist übersehen, dass die Menschenbilder zwischen der westlich-säkularen und der islamischen Welt nahezu entgegengesetzt sind. Selbst gleiche Begriffe meinen noch lange nicht das Gleiche. Alle bekennen sich zu den Menschenrechten, aber es macht einen Unterschied, ob sie anthropozentrisch oder – wie in der Kairoer Erklärung der Menschenrechte von 1990 – theozentrisch begründet werden. Nicht einmal die „Würde des Menschen“ ist konsensfähig. Zwar sind alle für die Würde der Frau, aber die einen verstehen darunter ihre sexuelle Selbstbestimmung und die anderen ihre Jungfräulichkeit vor der Ehe.

Huntingtons Erbe

Die Zurückhaltung der amerikanischen Regierung gegenüber Truppenverstärkungen könnte schon der Einsicht geschuldet sein, dass es sich hier nicht um den „richtigen Krieg“ handelt, sondern eben um einen Kulturkrieg, den man, egal, was man tut, letztlich weder militärisch noch politisch gewinnen kann. Dass diese Einsicht so spät kommt, hat viel mit dem Kulturrelativismus des Westens zu tun. Für die Bedeutung der kulturellen und religiösen Soft Power waren die säkularistischen Politiker und Intellektuellen Europas blind. Ihr außenpolitisches Hauptanliegen lag seit einem Jahrzehnt darin, das einschlägige Buch von Samuel Huntington „Kampf der Kulturen“ immer von neuem zu widerlegen, wobei dies irgendwann den Verdacht hätte nähren müssen, dass es nicht zu widerlegen ist.

Huntington hatte schon Mitte der neunziger Jahre behauptet, dass sich die Völker und Nationen nach dem Kalten Krieg auf ihre eigene Identität, ihre Werte und Traditionen, im weiteren Sinne auf ihre Kulturen besinnen, so dass die globale Politik zum ersten Mal in der Geschichte sowohl multipolar als auch multikulturell geworden sei. Multipolar bedeute, dass Länder und Nationen sich bewusst voneinander abgrenzen, um ihre Identität zu betonen. Multikulturell bedeute, dass die Welt nicht mehr von zwei Ideologien bestimmt werde, sondern dass eine Vielzahl unterschiedlicher Kulturen nebeneinander existiert. Dadurch verteile sich die Macht vom lange vorherrschenden Westen auch auf nichtwestliche Kulturkreise. Einerseits sind andere Kulturkreise hinsichtlich der Durchsetzung insbesondere ihrer wirtschaftlichen Ziele weiter auf westliche Unterstützung angewiesen, andererseits sehen sie den Westen als eine im Niedergang befindliche Kultur, dessen Anteil an der globalen Macht zurückgeht.

Huntington deutete das Wiederaufblühen von Identität und Religion nicht zuletzt als eine Reaktion auf den westlichen Säkularismus und seinen moralischen Relativismus. Asiatische und islamische Kulturen stellten dem die Bekräftigung eigener Werte wie Ordnung, Disziplin, Gemeinschaft bzw. Religion und Familie gegen-über. Insbesondere der asiatische und der islamische Kulturkreis seien „Herausfordererkulturen“, die beide, wenn auch aus unterschiedlichen Beweggründen, ihre Überlegenheit gegenüber dem Westen betonen. Beide seien antiuniversal und antiwestlich, aber keinesfalls antimodern.(1)

Die Missachtung des neuen Kulturparadigmas durch die wortführende Interkultur in den westlichen Ländern hatte gravierende Folgen. Der Ruf Deutschlands und „Londonistans“ als Ruheraum für Terroristen hängt mit einem naiven Verständnis von Toleranz und Religionsfreiheit zusammen. Selbst den amerikanischen Geheimdiensten war es vor dem 11. September 2001 verboten gewesen, bei Einreisenden in die USA religiöse Kategorien zu erfassen. Die evangelikalen Eiferer in den USA, die nach dem 11. September 2001 immer stärker die Oberhand gewannen, waren wiederum blind für die Grenzen ihres eigenen politischen Messianismus.

Die Verleugnung eines Zusammenpralls der Kulturen hat sowohl unsere innere Sicherheit gefährdet als auch zur Überdehnung nach außen geführt. Die Interventionen im Irak und in Afghanistan erweisen sich immer deutlicher als grundsätzliche Irrtümer. In nichtwestlichen Kulturen fallen universalistische Werte nicht auf einen aufnahmebereiten, sondern auf einen durch ethnische oder religiöse Identitäten versiegelten Boden. Der Zusammenprall von Universalismus und Kulturalismus erscheint dem Westen als politischer Konflikt. Die westliche Werteordnung wird in der nichtwestlichen Welt aber nicht als universell, sondern als westlich und daher als imperialistisch wahrgenommen.

Während sich westliche Werte bei früheren Feinden oft nach und nach durchsetzen – wie heute in Vietnam –, mobilisieren im direkten Konflikt kulturalistische Kategorien offenkundig die stärkere Unterstützung. Je größer die Enttäuschung über die versickernde westliche Hilfe wird, desto mehr Unterstützung gewinnen die Taliban, deren gemeinsamer Nenner oft nur in ihrer antiwestlichen Haltung besteht. Das Erstarken der Taliban in Pakistan steht wiederum im Zusammenhang mit der vom Westen erzwungenen Intensivierung des Krieges in Pakistan.

Korruption als kulturelles System

Es liegt im Wesen universalistischer Ideale, kulturelle Grenzen zu ignorieren. Kulturen definieren ihre Identität auch über Werteordnungen. Durch ihre Eigenwertigkeit unterscheiden sie sich von anderen Kulturen. Eine moralische Universalität verdeckt den Blick auf regionale und partikulare Interessen und Werte, in denen etwa Drogenhandel oder der Clan wichtiger sind als individuelle Freiheit oder Gleichheit vor dem Gesetz.

Die bodenlose Korruption, von der uns immer wieder erstaunt und ungläubig berichtet wird, ist kein spezifisch afghanisches Symptom. Sie ergibt sich aus der Logik einer Clangesellschaft. Je mehr wir in sie eingreifen, desto mehr verstricken wir uns in Zustände, die wir nicht beherrschen. Identitäten vermischen sich oft in einer Weise mit Interessen und Verhaltensweisen, die sich unserem Vorstellungsvermögen entziehen. Wir verstricken uns mit Kräften, die nach unserem Rechtsempfinden verhaftet gehören.

Abstrakte Ideen wie Patriotismus und Gemeinwohl sind in Clankulturen unverständlich. Korruption gilt als eine ethische Verpflichtung gegenüber der eigenen Familie im näheren und auch noch im weiteren Sinne des ethnischen Clans. In das Bild einer fehlenden Identifikation mit der eigenen Nation passt, dass immer mehr beruflich gut qualifizierte Afghanen in Europa um politisches Asyl nachsuchen. In der afghanischen „Demokratie“ ist weniger wichtig, wer wählt als wer auszählt. Entstehen in Clankulturen Mehrparteiensysteme, so verstärken sie nur die Korruption. Solange dies finanzierbar ist, stellt sich eine gewisse Zufriedenheit ein, was auch die Anfangserfolge in Afghanistan bis 2006 erklärt. Sobald die Ressourcen nicht mehr für alle reichen, bringt der politische Pluralismus Korruption und Bürgerkriege hervor.

Wir spielen in diesem Geflecht eine hilflose, aber keine unbeteiligte Rolle. Zur Korruption gehören immer zwei. Einer zahlt, einer nimmt. Von den 80 Millionen Euro deutscher Entwicklungshilfe an Afghanistan sind im Jahr 2006 weniger als 25 Millionen Euro bei Projekten angekommen. Der Rest ist in Gehältern und „Verwaltungskosten“ verschwunden. Nach Veröffentlichung der Zahlen hat die Bundesregierung nicht etwa das Übel abzustellen versucht, sondern den Betrag auf 140 Millionen Euro erhöht.(2)

Es gilt mittlerweile als gesichert, dass Teile der Verwandtschaft von Präsident Hamid Karsai eine große Rolle im Drogenhandel spielen. Dies wirft für uns nicht nur ein moralisches, sondern auch ein militärisches Problem auf. Die Möglichkeiten des Drogenanbaus ruinieren die Selbstverantwortlichkeit der Afghanen auch hinsichtlich der Sicherheit. Wenn die Ernte beginnt, legen selbst Armeeoffiziere die Uniform ab und gehen als Pflücker auf die Felder, Lehrer verdingen sich als Schmuggler, Bürgermeister unterhalten Heroin-labore. Die Verdienste im Drogenhandel oder Drogenschmuggel sind um ein Vielfaches höher als die Regierungsgehälter. Aus dieser Perspektive gesehen vertreten ausländische Soldaten gewissermaßen die verhinderten afghanischen Soldaten.

Sobald Kräfte von außen in diese Strukturen eingreifen, mutieren sie vom Geldgeber zum Störenfried und nach der Mobilisierung kulturalistischer Feindschaft vom Befreier zum Besatzer. Die ununterbrochene Folge kolonialer, kommunistischer und islamistischer Eroberungszüge hat viele Afghanen nicht nur gelehrt, mit dem Krieg, sondern auch vom Krieg zu leben. Schätzungen gehen von 1800 illegal bewaffneten Gruppen mit einer Gesamtstärke von bis zu 130 000 Kämpfern aus. Religiöse, nationale, ethnische und ökonomische Interessen sind bis zur Ununterscheidbarkeit verwoben – umso wichtiger werden der Islam und der Kampf gegen die „Ungläubigen“ als einziger Kitt dieser Gruppen. Bei dem undurchschaubar komplizierten Mosaik von Gruppen sind politische Seitenwechsel jederzeit möglich, und es ist keineswegs eindeutig, welche Gruppen hinter welchen Anschlägen und Entführungen stecken. Konvois des Welternährungsprogramms verschwinden, zivile Helfer werden getötet und entführt. Zwei Drittel der Ministerien gelten als hoffnungslos korrupt, das Kabinett ist entlang der Ethnien gespalten und Präsident Karsai kann, wenn überhaupt, nur mit Hilfe von Ämterpatronage gegenüber Warlords regieren.

Die manipulierten Wahlergebnisse drängen neuerdings den Eindruck auf, dass Karsai selbst mit den Taliban paktiert. Viele Wahlstationen, die von der Beschwerdekommission der UN beanstandet wurden, befinden sich in Gebieten, die unter Kontrolle der Taliban stehen. Die Ergebnisse konnten nur mit deren Zustimmung gefälscht werden. Dafür wird Karsai Gegenleistungen erbringen müssen, weniger im politischen Bereich als im Drogenhandel, an dem die Taliban ebenso beteiligt sind wie die andere Seite.

Ulrich Ladurner, einer der besten Kenner der Region, vermutet, dass die Taliban alles andere seien als ein monolithischer Block, der von extremistischen religiösen Motiven angetrieben wird. Es gebe offenkundig „geschäftliche“ Gemeinsamkeiten zwischen einigen von ihnen und dem amtierenden Präsidenten – die Taliban und Karsai seien keine unversöhnlichen Todfeinde. Zu diesem Bild gehöre auch, dass Karsai immer lauter antiamerikanische Töne anschlage, zivile Opfer beklage und gegen das Vorgehen der NATO protestiere. An seiner antiwestlichen Rhetorik dürften die Taliban Gefallen finden, deren zunehmende Unterstützung in der Bevölkerung auf ihrer antiwestlichen Haltung beruht. Schlimmstenfalls sind heimliche Koalitionen denkbar, in denen Karsai und die Taliban gegen den Westen als „Besatzer“ agieren. Wenn die NATO mehr Soldaten schickt, könnte sich ihr Besatzerimage weiter verstärken.(3) Die Aberkennung von Karsais absoluter Mehrheit im ersten Wahlgang durch die Wahlbeschwerdekommission deuteten die Paschtunen um Karsai als Raub ihres Erfolgs.

Das zwangsläufige Scheitern des Westens

Die militärische Kriegsführung der Amerikaner unter Inkaufnahme vieler ziviler Opfer scheiterte bereits am Prinzip der Blutrache, wonach jeder getötete Mensch Vergeltungsmaßnahmen erfordert und damit neue Feinde verursacht. Die neue ISAF-Strategie will dem Rechnung tragen und nähert sich damit der Stabilisierungsstrategie der Bundeswehr an, die allerdings ebenfalls gescheitert ist. Schon die vielen Beschränkungen und Bedingungen, die der Bundeswehr vom Parlament auferlegt werden, haben einen wirkungsvollen Einsatz verhindert. Da es sich nicht um einen Krieg handeln durfte, mussten ca. 4000 Soldaten zur Stabilisierung des gesamten Nordens ausreichen und diese dürfen nicht nach Kriegsrecht, sondern nur nach Polizeirecht agieren, welches einen möglichst schonenden Einsatz vorschreibt.

Die im „Stabilisierungseinsatz“ erbauten Schulen und Brunnen finden wenig Dank. Sie bieten den Menschen auch nicht den Schutz vor den Taliban, der für den Aufbau politischer Loyalität entscheidend gewesen wäre. Die neu gebauten Straßen dienen mindestens ebenso sehr militärischen Zielen der Taliban wie zivilen Bedürfnissen. Während sich deutsche Soldaten im „ruhigen Norden“ um den Aufbau des Landes sorgen, konnten sich die Taliban dort ungestört versammeln und verstärken. In einem Kulturkrieg können auch Straßen und Schulen der Verbreitung des Islamismus dienen. Differenzierungen nach militärischen und zivilen Einsätzen verkennen den totalitären Charakter des radikalen Islam, der sich um solche Ausdifferenzierung moderner Funktionssysteme wenig schert, da er von der Einheit von Politik und Religion sowie Zivilgesellschaft und Staat ausgeht.

Flucht nach vorn?

Um die Bevölkerung in Afghanistan zugleich schonen und schützen zu können, bräuchte die ISAF ungleich mehr Soldaten als sie je wird aufbringen können. Sollte eine ähnlich stabile Sicherheitslage hergestellt werden wie auf dem Balkan, wäre eine Truppenstärke von über einer Million Soldaten erforderlich. Die Taliban werden schon zahlenmäßig immer stärker, was wiederum kulturelle Ursachen hat. In Afghanistan werden sieben Kinder pro Frau geboren. Von den 500 000 jährlich mannbar werdenden Knaben haben vielleicht 150 000 eine Chance auf Opiumfeldern und bei Ordnungstruppen. Gegen jährlich 350 000 neue potenzielle Talibankämpfer hilft auf Dauer keine Aufstockung der Truppen.(4)

Auch eine andere Flucht nach vorn, nämlich die Ausweitung des Konflikts auf Pakistan, ist in einem Kulturkrieg kontraproduktiv. Eine militärische Intervention in nur einem Land löst schon deshalb keine Probleme, weil diese meist mit der gesamten Region verbunden sind. Die Taliban sind ein Produkt der undurchschaubaren pakistanischen Politik. Die Mehrheit der Pakistani lehnt heute zwar die Taliban ab, will aber nicht die Sache des ungeliebten Bündnispartners Amerika mittragen. Die Ausweitung des Krieges in der Region durch die neue „Afpak-Strategie“ von Präsident Obama war militärisch folgerichtig, aber politisch falsch. Die Einbeziehung Pakistans in den Kriegsraum hat eine Flüchtlingswelle von 2,5 Millionen Menschen ausgelöst, die Kämpfe haben sich intensiviert und die Region wird weiter destabilisiert. Die für Außenstehende lange Zeit schier unerklärliche Ambivalenz Pakistans im Umgang mit dem militanten Islamismus ist nur aus dem Empfinden der Pakistani zu erklären, von Feinden umzingelt zu sein, die sie mehr fürchten als die Taliban – dies gilt vor allem für Indien, aber auch für den Westen. Die USA werden verdächtigt, Pakistan destabilisieren und seiner Atomwaffen berauben zu wollen.

Afghanisierung und Pakistanisierung des Krieges

Jetzt ist es vor allem notwendig, den Pakistani das Gefühl zu geben, für Pakistan und nicht für Amerika zu kämpfen.(5) Die Selbstverantwortlichkeit der regionalen Akteure wird zum wichtigsten Element bei der Vorbereitung des Disengagements der NATO. In Afghanistan hätte sich der Westen darauf beschränken sollen, die staatliche Funktionsfähigkeit wieder herzustellen. Ein realistisches Ziel für Afghanistan wäre nicht die Demokratie, sondern der Aufbau einer funktionierenden Staatlichkeit gewesen. Dies hätte den Afghanen helfen können, eine bessere Armee, Polizei, Justizwesen und Gefängnisse aufzubauen. Stattdessen wurde unser Geld ohne Sinn und Verstand so weit verteilt, dass es versickerte.

Der ISAF-Kommandeur Stanley McChrystal fordert, die Zahl der ausländischen Soldaten von derzeit etwa 100 000 um bis zu 40 000 zu erhöhen. Zugleich will er die afghanischen Sicherheitskräfte massiv auf 400 000 Mann vergrößern, 240 000 bei der Armee, 160 000 bei der Polizei. NATO-Generalsekretär Anders Fogh Rasmussen rechnet vor, dass es 50 Mal teurer sei, einen NATO-Soldaten zu unterhalten als einen afghanischen Soldaten. Er zieht daraus die Folgerung, dass die Mitgliedstaaten mehr Truppen und Geld zur Verfügung stellen sollen, um somit die Führungsverantwortung von der NATO auf die Afghanen übertragen zu können. Dieses Argument wäre glaubwürdig gewesen, wenn es Jahre früher gekommen wäre. Heute wäre es plausibler, ein weiteres Engagement an die Selbstverteidigungsbeiträge der Afghanen zu binden.

Eine Exit-Strategie führt über eine Afghanisierung und Pakistanisierung des Krieges. Dies setzt das Fördern und Fordern der Verantwortlichkeit der Afghanen und Pakistani für ihre Sicherheit voraus. Nach acht Jahren sollte ein kämpferisches Volk wie die Afghanen eigentlich in der Lage sein, sich selbst zu verteidigen. Die Zweifel gegenüber den Afghanen richten sich weniger an ihre Fähigkeit als an ihren Willen. Die Angaben über dienstbereite Polizisten schwanken bezeichnenderweise zwischen 40 000 und 90 000 Personen. Die Polizei ist von Korruption durchsetzt und auch die ständigen Abwanderungen in besser bezahlte Privatarmeen der Warlords sind kein Ausdruck von Patriotismus. Das anfängliche Ziel der deutschen Polizeiausbilder, eine „bürgernahe Polizei“ zu schaffen, war kulturfremd und naiv. Es ist verständlich, dass der frühe Eifer der Ausbilder in Enttäuschung umgeschlagen ist und die EU, die diese Aufgabe von den Deutschen übernommen hat, Mühe hat, 400 Ausbilder aufzubringen.

Der Plan des deutschen Auswärtigen Amtes vom September 2009 („Zehn Schritte für Afghanistan“), sieht vor, bis zum Jahr 2013 die Grundlagen für den Abzug aus Afghanistan zu schaffen. Mit dem Präsidenten Afghanistans solle ein Fahrplan ausgearbeitet werden, der die weitere Zusammenarbeit festlegt und Dauer und Ende unseres militärischen Engagements beschreibt. Afghanische Armee und Polizei müssten so schnell wie möglich die alleinige Sicherheitsverantwortung übernehmen. Vage Ziele reichen nicht mehr aus. Von Beginn an, so der Plan, müssen wir von der neuen Regierung entschlossene Schritte beim Grundrechteschutz, bei der Bekämpfung von Korruption, Misswirtschaft und der organisierten Drogenkriminalität einfordern. Mehr als bisher müsse die internationale Staatengemeinschaft darauf dringen, dass korrupte Elemente aus ihren Ämtern entfernt werden. Die Zahl der Ausbilder und das Tempo der Polizeiausbildung im deutschen Zuständigkeitsbereich seien zu verdoppeln. Auch die Ausbildung der afghanischen Armee solle noch stärker ins Zentrum unseres militärischen Engagements rücken.

Der Kabinettsbeschluss der neuen deutschen Regierung, verabschiedet bei ihrer Klausurtagung in Meseberg am 17./18. November 2009, bestätigt diesen Ansatz. Der Leitgedanke der deutschen Afghanistan-Politik lautet jetzt „Übergabe in Verantwortung“. Die Afghanen müssen dabei Schritt für Schritt in klar definierten Etappen Verantwortung übernehmen. Alle Aktivitäten der Bundesregierung tragen dem Prinzip afghanischer Eigenverantwortung Rechnung. Einen neuen Akzent erkennt man in dem Beschluss darin, dass die Schaffung selbsttragender Sicherheit und funktionstüchtiger staatlicher Strukturen an erster Stelle der Zielsetzung des deutschen Engagements steht. Bei der deutschen Beteiligung an den Aus- und Fortbildungsmaßnahmen soll das Augenmerk auf der Ausbildung „robuster Polizeieinheiten“ liegen.

Ein zeitlicher Korridor gilt jetzt als notwendig, weil sonst die Gefahr eines unbefristeten „Weiter so!“ bestehe. Diese Gefahr bestand allerdings von Anfang an, und dies übersehen zu haben, ist Ausdruck eines naiven Menschen-, Gesellschafts- und Kulturbildes. Ohne die bei jeder Hilfestellung unabdingbare Dialektik von Hilfe und Selbsthilfe, von Fördern und Fordern wird man in Afghanistan nicht weiterkommen.

Die Afghanen hatten bislang andere Prioritäten, als sich zu verteidigen und Straßen und Schulen zu bauen. Sie können sich diese Prioritäten so lange leisten, wie wir ihnen diese Arbeit abnehmen. Wie allgemein in der Entwicklungshilfe erweist es sich als Fluch der guten Tat, wenn man das Fördern nicht hinreichend mit dem Fordern verbindet. Die NATO hätte von vornherein das Bemühen der Afghanen um eine sich selbst tragende Sicherheitsarchitektur zum Maßstab ihrer Hilfestellung machen müssen.

Selbstbegrenzung als neue Strategie

Die Interventionen des Westens scheinen langfristig oft sogar kontraproduktiv für den Frieden zu sein. Die Annahme, dass nur der Westen die Local Players vom Kampf gegeneinander abhalten kann, übersieht, dass Frieden meistens auf dem Sieg einer der Parteien beruht und nicht auf von außen moderierte Verträge. Die von außen angestifteten demokratischen Mehrheiten durch Koalitionen früherer Feinde bringen keine stabilen Regierungen hervor.

Da in weiten Teilen des Nahen und Mittleren Ostens nicht ideologische Differenzierungen und politische Strukturen, sondern kulturelle Identitäten im Vordergrund stehen, ist der Unterschied zwischen Gläubigen und Ungläubigen wichtiger als etwa der zwischen Demokraten und Nichtdemokraten. Ohne ein hinreichendes Verständnis der Bedeutung von Religion und Kultur wird sich der Westen in der neuen multipolaren Weltordnung, die zugleich auch eine multikulturelle Weltordnung ist, nicht zurechtfinden. Huntington hatte, wenn auch eher beiläufig, die neuen Wege des Westens in der multipolaren Welt benannt: Enthaltung, Vermittlung und die Suche nach Gemeinsamkeiten. Die zukünftige Aufgabe des Westens liege darin, seine eigenen, einzigartigen Werte von Pluralismus, Individualismus und Rechtsstaatlichkeit zu erhalten, zu schützen und zu erneuern, nicht aber in der Umformung nichtwestlicher Kulturkreise nach westlichem Vorbild.(6)

Die Kritik an Huntington hebt immerzu darauf ab, dass er die Menschen auf eine einzige kollektive Identität reduziert.(7) Doch leider ist diese Eindimensionalität eben das Wesensmerkmal sowohl fundamentalistischer Religionen als auch des Ethnozentrismus oder Nationalismus. Wenn diese Eindimensionalität aufgebrochen werden soll, darf die westliche Pluralität nicht von außen aufgezwungen werden. Auch dürfen die kollektiven Zuordnungen im „Dialog der Kulturen“ nicht noch verfestigt werden, in dem die Gesprächspartner oft in kollektive Identitäten gedrängt werden.

Gefordert ist vielmehr eine Koexistenz, die auf den Faktor Zeit setzt und auf einen „Dialog von Individuen“, der die kollektiven Identitäten zugunsten der Förderung pluraler individueller Identität aufzuweichen versucht. Hinsichtlich der Taliban und der Korruptionskultur Afghanistans bedeutet dies, dass wir sie aus ihrer gemeinsamen antiwestlichen Haltung herauszulocken und nach ihren Eigen- und Claninteressen zu spalten versuchen müssen. Eine Realpolitik der Kulturen erfordert aber die Aufgabe idealistischer Ziele wie die von einer Demokratisierung Afghanistans.

Je mehr wir uns aus fremden Kulturräumen zurückziehen, desto mehr Recht haben wir auf die Behauptung unseres eigenen Kulturraums. Mit einem Bruchteil der Energie, die wir auf den Krieg in Afghanistan verwenden, hätten unsere Sicherheitsorgane in Hamburg und in den USA den 11. September verhindern können. Die NATO-Strategie der Zukunft sollte von dem Grundsatz ausgehen: mehr Selbstbegrenzung nach außen, mehr Selbstbehauptung nach innen. Eine realpolitische Strategie, in der die Grenzen des Möglichen im Vordergrund stehen, erfordert aber zunächst eine Definition der eigenen Identität und der eigenen Grenzen. Wir brauchen deshalb eine globale Realpolitik, die von Tatsachen ausgeht, unsere Grenzen erkennt und sich statt an einer Universalisierung westlicher Werte und Strukturen an unmittelbaren sicherheitspolitischen Notwendigkeiten orientiert.

 

(1) Samuel P. Huntington: Kampf der Kulturen. Die Neugestaltung der Weltpolitik im 21. Jahrhundert, München 1997, S. 152.

(2) Reinhard Erös: Einer nimmt – und einer zahlt, Süddeutsche Zeitung, 16.2.2009.

(3) Ulrich Ladurner: Unter Verdacht. Die Präsidentschaftswahl soll massiv manipuliert worden sein. Das bringt Karsai in Bedrängnis, Das Parlament, 14.9.2009.

(4) Gunnar Heinsohn: Schrumpfender Westen, aufsteigender Islam, Merkur, August/September 2007, S. 771ff.

(5) Ulrich Ladurner: Obamas Flüchtlinge. Der Krieg gegen die Taliban zwingt Hunderttausende Zivilisten zur Flucht aus dem Swat-Tal. Jede weitere Militäraktion des Westens verschärft die Krise Pakistans, DIE ZEIT, 14.5.2009.

(6) Samuel Huntington (Anm. 1), S. 513.

(7) Zum Beispiel bei Amartya Sen: Die Identitätsfalle. Warum es keinen Krieg der Kulturen gibt, München 2007.

Heinz Theisen

PROF. DR. HEINZ THEISEN lehrt Politikwissenschaft an der Katholischen Hochschule Nordrhein-Westfalen in Köln.

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